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Fernwanderweg E5 Oberstdorf - Meran

Wieso zu Fuß, wenn es auch mit dem Zug ginge?


Pitztal Sölden Gletscher mit Schnee

Von München oder Salzburg braucht man mit dem Auto etwa vier Stunden nach Meran, mit dem Zug sind es knapp fünf Stunden.

Ich dagegen verbringe mit Eurohike eine ganze Woche damit, über die Alpenüberquerung E5 von Oberstdorf nach Meran zu gelangen, weil ich freiwillig zu Fuß gehen will. Bin ich etwa übergeschnappt? 😉

Pitztal Sölden Gletscher mit Schnee

Nein, ich bin nicht übergeschnappt! Dies bestätigen mir alle, die ich unterwegs treffe und viele Bekannte, die ebenfalls eine solche Reise gemacht haben. Wir sind uns einig: Der Weg ist das Ziel!

Ich freue mich auf die Erlebnisse und Erinnerungen, die ich während der Alpenüberquerung sammeln werde.

Bei den ersten schweißtreibenden Anstiegen, mühsamen Abstiegen und Passübergängen im Starkregen frage ich mich allerdings schon immer wieder, wozu ich mir diese Mühe eigentlich mache.

Hinterher weiß ich aber immer ganz genau warum. Um das zu verstehen, muss man die Erfahrung jedoch selbst gemacht haben!

Start im Allgäu

Nach einem Allgäuer Käsefondue falle ich müde ins Bett. Morgen geht es los! Ich bin nervös, ob ich wirklich alles, was ich brauche, im Rucksack habe. Oder doch viel zu viel? Ob ja die Blasenpflaster dabei sind und ob ich nicht doch die dicke Jacke wieder herausnehme? Doch das Hotelbett ist sehr gemütlich und bald holt mich der Schlaf.

Allgäuer Alpen bei Oberstdorf

Die erste Etappe

Gut gestärkt starte ich vom Allgäu ins Lechtal. Als ich im Talschluss aus dem Bus steige, ist mir schon etwas mulmig. Vor mir die hohen Allgäuer Alpen, hinter mir das sichere Tal. Aber jetzt ist es zu spät für einen Rückzieher. Der Weg führt mich vorwärts und auch gleich ziemlich kräftig aufwärts. Doch je weiter ich gehe, desto fröhlicher werde ich. Immer mehr freue ich mich, unterwegs zu sein, auf das Abenteuer und die große weite Bergwelt, die da vor mir liegt.

Ich steige bergauf zur Passhöhe und zum Grenzübergang nach Österreich. Wow! Vor mir liegt der Grenzstein und ein tiefes Tal. Jetzt geht es felsig und steil bergab. Doch weiter unten lockt die Rossgumpenalm zur Einkehr und eine spektakuläre Hängebrücke wartet auf mich. Ich bin ganz begeistert! Am Ziel in Holzgau schaue ich mir auf dem Ortsplatz die schönen buntbemalten Häuser an. Ich bin erleichtert und ein bisschen erschöpft. Zugegeben, die erste Etappe ist nicht einfach, dafür landschaftlich umwerfend und voller Highlights!

 

Vom Lechtal ins Inntal

Nach einem reichhaltigen Frühstück fühle ich mich richtig fit für den heutigen Tag. Ich wähle den Weg durch das einsame Prämajurtal. Hier ist tatsächlich viel weniger los als gestern. Vorbei an der Bodenalpe geht es über blühende Bergwiesen hinauf zur Leutkircher Hütte am Joch. Auf der anderen Seite strahlt der Gletscher, weit unten ist der berühmte Skiort St. Anton sichtbar. Nach der obligatorischen Einkehr auf der Hütte führt der Weg wieder bergab, zauberhafter Wald umgibt mich. Der Steig ist steil, dafür bin ich umso schneller unten. Ich nehme den Bus nach Landeck. Dort bin ich dann mitten in Tirol und hab nur einen Schritt in die Fußgängerzone. Vom Balkon meines Hotels aus kann ich sogar den Inn rauschen hören.

Inntal Wanderweg mit Hütten und Fernsicht

Höhenweg oder Römerweg?

Am nächsten Tag kann ich wählen, ob ich den Römerweg auf der Via Claudia erwandern möchte oder die Original E5 Route über den Gipfelgrat des Venet. Ich entscheide mich für letztere Variante und nehme die Seilbahn auf den Venet, wo ich den Höhenweg starte. Der Gipfelgrat ist atemberaubend mit Tiefblicken in beide Richtungen. Der Abstieg über die Hochweide, Wiesen und Wald nach Wenns ist gar nicht mehr weit, für einen Stopp in der Almhütte findet sich auch noch Zeit. Schließlich komme ich im Hotel an und kann mich dort erholen. Ein aufregender Tag!

Höhenweg Gipfelgrat des Venet im Nebel

Königsetappe auf 3.000 m

Die Königsetappe steht an: Über das Pitztaler Jöchl mit fast 3.000 Höhenmetern werde ich heute wandern. Aus eigener Kraft war ich noch nie so weit oben! Ich mache mir Mut: „Das haben andere auch schon geschafft, und die sind weit weniger fit als du. Das wird schon klappen!“. Und: „Du hast ja auch nur leichtes Tagesgepäck, schau, die anderen schleppen ihre riesigen Rucksäcke. Das kriegst du locker hin!“ Die Etappe ist generell nicht weit, dafür aber sehr steil. Mit dem Bus fahre ich zum Talschluss des Pitztals und starte auf den Wanderweg. Langsam aber stetig erklimme ich das Blockgelände und passiere den Wasserfall, der regenbogenfarbige Schleier in die Luft zaubert. Was für ein wunderschöner Tag! Da vergesse ich, wie müde ich beim Losgehen noch war. Bald kommt die Braunschweiger Hütte in Sicht. Endlich! Sofort sitze ich auf der Terrasse in der Sonne. Jetzt brauche ich stärkende Nahrung in Form eines großen Stück Kuchens oder eines Kaiserschmarrn.

Ötztaler-Ache Brücke mit Fluß und Wald

Nach der Stärkung geht es weiter. Vorsichtig überwinde ich die anspruchsvollen schmalen Abschnitte zum Pitztaler Jöchl. Ich gehe ganz langsam, so merke ich auch von der dünnen Höhenluft fast nichts. Die Wildspitze (Tirols höchster Berg) winkt mir aufmunternd von gegenüber zu. Ihre tiefen Gletscherspalten zaubern ein bizarres Muster in den Schnee. Nun bin ich oben, am höchsten Punkt der Tour. Was für ein Moment! Eine Pause muss sein, aber lange verweile ich nicht, denn der Abstieg wartet und der ist sehr anspruchsvoll. Steile Schneefelder, rutschiges Geröll und felsige Flanken erwarten mich. Äußerst behutsam setze ich einen Fuß vor den anderen. Schritt für Schritt für Schritt. Irgendwann habe ich wieder sicheren Boden unter den Füßen und bin plötzlich mitten im (derzeit schlafenden) Skigebiet. Ringsherum sind Gletscherlifte, geschlossene Skishops und Après-Ski-Bars. Aber das Gletscherrestaurant hat offen. Optimal für eine Pause, bevor der Bus mich ins Tal nach Sölden im Ötztal bringt.

Gipfelbild der Wanderin am höchsten Punkt dem Pitztaler Jöchl mit gigantischem Ausblick

Schmugglerpfade nach Italien

Heute geht es über das Timmelsjoch nach Italien und da macht mir schon der Gedanke Freude. Auf geht’s! Ein angenehm sanfter langer Anstieg erwartet mich auf dem Schmugglerpfad. Hier fährt sogar ein öffentlicher Bus über die Passhöhe. Oben angekommen, treffe ich auf zahlreiche Motorradfahrer und Radsportler auf der kurvigen Fahrt durch die vielen Haarnadelkurven der Pass-Straße. Es gibt eine Snackbar und einen Ausstellungsraum. Wirklich eindrucksvoll, wie diese Straße auf der Höhe von 2.500 Metern entstanden ist! In diesem Moment kommt der öffentliche Bus und ich zögere einen Moment: Soll ich nicht doch einfach einsteigen und mir den mühsamen langen Abstieg ins italienische Passeiertal ersparen? Ich bin kurz versucht, doch bevor ich mir eine passende Ausrede vor mir selbst einfallen lasse, ist der Bus auch schon wieder weg. Umgeben von einer gigantischen Felskulisse über Wiesenwege und Steige geht es immer weiter bergab. Heustadeln, Bäche und Weidevieh leisten mir auf dem Weg talwärts Gesellschaft. Ich quere die kühn gebaute Passstraße und erreiche endlich das kleine Bergdorf Rabenstein. Nun bin ich in Italien und da gehe ich natürlich als allererstes einen original italienischen Cappuccino trinken. Dann nehme ich den öffentlichen italienischen Bus ins Passeiertal, wo es auch schon etwas wärmer wird. Ich mache mich auf ins Hotel und erkunde von dort aus direkt den hübschen Urlaubsort.

Last but not least – Merano, ich komme!

Kaum zu glauben: Nur noch eine Etappe steht an. Auf dem Programm steht ein Aufstieg von über 1.000 Höhenmetern. Ich bin sicher, diese Höhenmeter sind es wert und davon kann ich mich auch gleich selbst überzeugen. Vorbei an der Alm des Freiheitskämpfers Andreas Hofer geht es in vielen Serpentinen hinauf zur Riffel. Dort beginnt ein fantastischer Höhenweg mit einer Aussicht, die jede Mühe vergessen macht. Die Almrosen blühen, die Kuhglocken auf der Alm bimmeln, es gibt Kaiserschmarrn in der Hütte. Beinahe schon zu schön, um wahr zu sein.

Pfandleralm Andreas Hofer Gedenkstein mit Hütte im Hintergrund und grünem Rucksack

Ziel in Sicht

Ich bin fast schon am Ziel der Wanderstrecke. Ein breiter Almweg führt mich hinüber zur Hirzer-Seilbahn. An der allerletzten Hütte kehre ich ein. Es ist so herrlich hier oben! Da ich nicht ins Tal herunterwandern will, nehme ich die letzte Bergbahn talwärts und bin nach kurzer Gondel- und Busfahrt inmitten der herrlichen Kurstadt Meran. Heut bin ich so müde von all den vielen zurückgelegten Kilometern und Höhenmetern, dass ich nur noch die langersehnte Holzofenpizza essen gehe und nach einem Tiramisu direkt ins Bett falle. Die Besichtigung der wunderschönen Kurstadt verschiebe ich auf morgen.  

Hirzer Passeiertal Aussicht Kühe mit gelben Ohrmarken

Gedanken hinterher

Eins ist sicher: Eine solche Reise ist im wahrsten Sinne des Wortes erlebnisreich! Die Woche war voller einprägsamer Momente und intensiver Eindrücke, sodass es mir vorkommt, als wäre ich Jahre unterwegs gewesen.

Selten habe ich so viel geschwitzt und geschnauft und so viel „gespürt“ wie an den vergangenen Tagen. Im Zug auf der Heimreise wird mir klar: Ich bin stolz und glücklich, dass ich nicht einfach mit dem Auto nach Italien gefahren bin, sondern dass ich aus eigener Kraft zu Fuß über die Alpen gewandert bin. 😊 Und ich würde jederzeit wieder auf dem E5 losmarschieren!

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